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Frederico Lombardo

Frederico Lombardo

atavus:

Peter Sutherland - Final Bargain, 2012
Website | Tumblr

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Peter Sutherland - Final Bargain, 2012

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Valentins Tat

Und wieder suchen mich Gedanken voller Schuld heim. Ich misstraue mir selbst und ich glaube, dass diese Tatsache das Schlimmste ist, was einem widerfahren kann. Unablegbares Schuldigsein. wenn Gedachtes einem die Seele vollkotzt, bis diese zu zerplatzen droht, des Voll-gekotzt-Seins wegen. Ich habe es mit Verdrängung und Drogen probiert, aber die Gedanken haben sich in mir manifestiert und ziehen nun ihre verwundenden Runden. Lassen mich in die Rückhaltlosigkeit des Wahnsinns laufen und träufeln bedächtig verderben in meinen Kopf. Mein Leben ist nur mal mein Leben. Kann da nicht raus. Es sei denn…

Suizidgedanken in der Küche. Sitze auf einem Stuhl und höre bewusst Musik. Ich habe mir Kaffee gemacht. Trinke langsam und die Musik ist sehr laut. Der alte, tote Johnny Cash singt für mich. Das Leiden in seiner Stimme ist ein tiefes, lebenserfahrenes und väterlich mitfühlendes. Darin finde ich mich wieder.
Der Kaffee ist heiß und schmerzt leicht im Hals beim Schlucken. Auf dem Tisch liegt eine Schusswaffe.
Ich werde sie benutzen.
Gegen mich.

Sie ist sehr klein vom Kaliber her. Doch der vertrauenswürdige Albaner, der sie mir verkaufte, versicherte mir, sie könnte große Löcher in Menschenschädel reißen, die zum Sterben auch ausreichend wären.
Das will ich.
Tot sein.
Dem Leben, den Gedanken, die einen denken, entkommen.

I’m just going over Jordan,
I’m just going over home…
Johnny Cash

Alles begann mit diesem Abend in einem Punkrockclub in einem nördlichen Stadtteil. Der laden heißt “Durchbruch”. Klingt erstmal sehr revolutionär, doch wenn man mal mehrmals vor Ort war, ist auch diese Magie dahin.
Die Location befindet sich in einem ranzigen Industriegebiet. Programmmäßig bekommt man ‘ne Menge aus den Bereichen Hardcore, Punk, Oi!, Ska und so’n bisschen Metal-Musik. Für einen Wochenendeinstieg genau das Richtige. 
Da saß ich also im “Durchbruch” und hatte schon einiges intus. Das Bier lief an diesem Abend wirklich gut, und frisch gezapft ins saubere Glas macht dieser uralte Männerdrink doch  am meisten Spaß.
Ich sinnierte ein wenig über ein Gespräch, das ich am Vortag mit einem meiner Arbeitskollegen hatte. Ich vertrat wieder meine Meinung, dass Bier in Plastikflaschen, das aufgrund von pseudoökologischen Gründen das gute alte Dosenbier fast ganz verdrängt hat, ungenießbar sei des Plastiks wegen. Weil da immer noch zu viele Chemiepartikeln im Bierchen rumwabern, die den Geschmack trüben.
Mein Arbeitskollege Karl war aber der Ansicht, dass es sich beim Bier verhalt wie beim Menschen, es gehe schließlich um die inneren Werte. Egal, ob Flasche aus Glas oder Plastik, ob gezapft oder mit alten Metallummantelung, schließlich gehe es ums Bier. Ich fand diese Argumentationskette äußert schlüssig und vor allem sehr menschlich.
Karl ist Bagger fahrender Philosoph, ohne davon zu wissen. Trotzdem ist Dosenpfand verbraucherunfreundlich.

So denke ich also, während plötzlich Sick of it All gespielt wird. Geiler Hardcore. Es wird Vollkontakt getanzt. Guter Pogo. Ich bin dabei. Hingabe.
“In the underground, intrigity lies within
in the underground
image doesn’t mean a thing…”
Menschen brechen an Menschen. man liegt betrunken anderen menschen in den Armen und fremde Körper taumeln durch die Gegend. Überall geballte Fäuste, gen Himmel gestreckt.
Mittendrin diese kleine Frau, die ich hier noch nie gesehen habe. Ein Skinhead-Girl. Sie trägt kurze blonde Haare zu gammligen Kaputthosen, einem durchgeschwitzten weißen Unterhemd und fetten Stiefeln. Sie tanzt wie eine Billardkugel. Eckt an, fällt, steht auf, springt mit den Füßen voran zurück in die Tanzmasse. Sie ist klein und wendig und tanzt, als gäbe es kein Morgen und keine Liebe. Sie gefällt mir.

Später dann steht sie allein an der Bar, raucht und trinkt Bier. Ich denke nur, dass ich nicht weiß, wie Anmache geht. Trotzdem versuche ich Kontaktaufnahme.
Stelle mich an die Bar in ihre Nähe, ebenfalls Bier bestellend. Drehe dann ‘ne Kippe und tu so, als ob ich in meinen Hosentaschen nach einem Feuerzeug suche. Die gute alte Feuer-Nummer. Un tatsächlich zündet sie vor meinen Augen mit ihrem Feuerzeug eine Flamme, in die ich meine Zigarette halte und erleichtert inhaliere.
»Danke«, flüstere ich. Ihr Blick trifft mich genau in den meinen. Meine Standardanmache geht weiter. »Öfter hier? Hab dich noch nie hier gesehen. Wer bist du?« Und plötzlich führen wir ein Gespräch, denn sie hat auf meine Zitterversuche reagiert und aus ihr bricht nun ein Wortschall des Vertrauens.

Sie heißt Paula. Ich sage ihr auch meinen Namen und sie muss erstmal lachen, so wie viele. Valentin ist für’nen typen in meinem Alter eine untypische Bezeichnung. Aber so heiße ich halt und irgendwann hört sie auch auf, deswegen zulachen.
Im Verlauf des Abends heben wir noch anständig viel Bier, rauchen ‘ne Menge selbst gedrehter Kippen und freuen und über den gelungenen Dj-Set aus Punk, Hardcore und Ska.
Wir reden über Politik, Arbeitslosigkeit, und bemerken beide, dass unserem Land auf jeden Fall Linksdruck fehlt. Schon mal keine stumpfe Nazibraut, denke ich und freue mich über ihr Lächeln und ihre zärtliche Stimme, die in einem sehr weiblichen Körper zu wohnen scheinen, der nur fassadenmäßig auf hart getrimmt ist.
Wir reden auch über Musik und bemerken massenhaft kulturelle Glechheiten. Darüber freuen wir uns und betrinken uns fleißig. Außerdem mögen wir ähnliche Filme, die einer gewissen Gewaltdarstellung nicht abgeneigt sind.
Paula und ich sind verdammte Realisten.

Der “Durchbruch” macht dann irgendwann dicht und das grelle Saallicht aus Neon trübt die die Gemüter und will das Publikum vertreiben. Paula sucht ihre Jacke. Als sie vollständig bekleidet vor mir steht und in meinen Augen wohl Angst, sie zu verlieren, sichtbar wird, nimmt sie meine Hand und lädt mich spontan noch zu ‘nem Bier bei sich ein. Sie wohnt nicht weit von hier.
Nach viertelstündigem schweigsamen Fußmarsch kommen wir bei ihr an. Ein abgewracktes Mehrfamilienhaus am Rand des Industriegebietes. Da steht ein Auto am Straßenrand mit einem “Böhse Onkelz”-Aufkleber. Ach, wie fragil sind sind doch die Rücklichter deutscher Autos, wenn sie auf englische Springerstiefel treffen. Plexiglas splittert kleinteilig durch die besoffene Nacht.
Gemeinsames Paula-Valentin-Lächeln.

Auf ihrer Wohnungstür steht “Heroinspaziert!”. Wir gehen rein und die Skinhead-Girl-Singlewohnung sieht so aus, wie ich sie mir vorstellte. Unaufgeräumt. An den Wänden Poster von Filmen und Bands. In der Küche ‘ne Menge nicht gewaschenes Geschirr. Pizzakartons, die mal den schnellen Assi-Snack für zwischendurch beinhaltet haben.
Schön hier. Paula holt Bier aus dem Kühlschrank, gekühltes Flaschenbier. Es wird immer schöner in der Bude der Bezaubernden. Wir trinken und ich sehe mich begeistert um.
Nach minutenlangen Schweigen und Schauen bietet mir Paula an, die Nacht hier zu verbringen. Das kommt mir aus praktischen - meine Wohnung ist in einem anderen Stadtteil - und emotionalen - Paulazauber - Gründen sehr gelegen. Wir gehen ins Schlafzimmer, auch hier herrscht wohnliches Chaos. Auf dem Boden liegen Unterwäscheteile, Essensreste und ‘ne Menge Papier in Gestalt von Zeitungen, briefen, Prospekten, Flugblättern.

Unweit der Grenze des Sonnenaufgangs verfallen wir in tiefe Küsse, die nach einer zauberhaft durchfickten guten Viertelstunde in einem gemeinsamen Orgasmus gipfeln. Der Auftakt dieser Zusammenkunft hätte perfekter nicht sein können. Ich fühle mich wie eine kaputtgekitschte Romanfigur von Nicholas Sparks, dem alten Frauenversteher. Normalerweise finde ich solche Gefühle eher abstoßend, aber die Magie, die von Paula auszugehen scheint, bügelt die Atmosphäre so glatt, das auch Liebe plötzlich wieder zu ertragen war.
Da liegen wir dann, als die Nacht zum Tag umgestaltet, ganz zärtlich unter ungewaschenem Stinkebett und ich werde frisch gefickt auf dem Rücken liegend gefragt: 
»Sag, schläfst du auf deinem Bauch?« Meine Antwort: »Nö!« Ihre Frage daraufhin: »Darf ich es dann tun?« Meine Worte: »Sicha!«
Die Auferstehung der Brachialromantik. Magie in Zimmern, in denen man keine erwartet. Das beste an Paula ist Paula selbst. Das beste an uns sind wir zwei. Alles ist von einer Güte und Zärtlichkeit umspielt, die mir die Tränen in die Nähe meiner Augen schiebt.

So begann es also mit Paula, und von diesem Zeitpunkt an führten wir eine spontane und ausfüllende Beziehung. Sie bestand überwiegend aus Kommunikation, Kultur, und viel Sex. Wir redeten wirklich viel über unsere Vergangenheit und unsere Vorstellungen über die Zukunft. Sehr häufig waren wir in alternativ Clubs zu gast und soffen deren Bars leer. Außerdem liebten wir beide Konzerte. Un wenn uns die Leidenschaft überkam, fickten wir, bis es wehtat.
Und es tat häufig mal weh.
Paula war perfekt für mich. Kumpel und Sexpartner in Personalunion. Sie stellte für mich die allumfassende feminine Persönlichkeitsstruktur dar. Wir gingen tief unseren Gesprächen, und da war noch mehr schutzbedürftige Weiblichkeit in ihr, als ich anfangs vermutete. Aber ich war für sie da, wann immer sie meine Nähe brauchte.
Es war ganz anders als mit früheren Partnerinnen, bei denen ich immer dachte, meine Partnerin darf ruhig ‘ne eigenen Meinung haben, soll aber auch stark genug sein, diese für sich zu behalten.
Jetzt war da Fieber, jeden Tag. Die Allmacht der Liebe und deren Fesseln. Meine Hände gebunden, wie all meine Gedanken. Gebunden an sie. Die eine. Die Vollkommene.
Paula.
Wir stellten immer mehr Gemeinsamkeiten her und fest. Bier trinken, Zigaretten rauchen. Sich ins Delirium ficken. Sitzen und gucken. Leute beobachten. Schlechte Witze erfinden und schlechte Witze sein.

Auf lovely Paulas Balkon sitzend, hatten wir man den gemeinsamen Wunsch ein Gewehr zu besitzen. Einfach aus der Idee heraus, Leute aus dem sichersten aller Hinterhalte heraus zu liquidieren. Peng, der Altnazi von nebenan, peng, die fiese, verbeulte Haushälterin von Paulas Nachbar, peng, das freche Kind, das andere Kinder anspuckt. Tong, Schmerz für alle, die nicht sind wie wir. Wir wünschten uns Gewehre, Granaten und Raketen und verbrachten einen wunderbaren Sommer voller kranker Gewaltfantasien. Passanten strandeten vor dem Balkon und jeder, der nicht wir oder zumindest so wirr war, dem war eh nicht zu helfen. These were the times…

Irgendein Mittwoch wollte ich sie in ihrer Wohnung besuchen. Als ich ankam, sah ich nur ihre großen verheulten Augen und trat in eine erbärmliche Stimmung ein. Paula saß auf einem Stuhl in der Küche, aus ihren rot geflennten Augen tropfte salziges Wasser. Die Tränenflut meiner Freundin ließ mich verzweifeln, denn ich kam nicht zu ihr durch. Sie ließ keine Umarmung zu und keinen Trost. Ich versuchte es mit Worten und mit Küssen, aber nichts davon entsprach ihrem Wunsch.
Nach etwas zwei Stunden zermürbender Wartezeit war sie ansprechbar. Zwischen Schluchzen, Weinen und Luftholen hörte ich nun nur: »Ich bin schwanger, scheiße schwanger …kann kein Kind …will nicht…«
Ich war vollständig verwirrt. Ich einem Augenblick baute sich mir die mystische Welt der Vaterwerdung auf, die gleichzeitig von Paula zerstört wurde. Sie war beim Arzt gewesen und für eine offizielle Abtreibung war es bereits zu spät. Ihre Idee war es dann, dass ich die Abtreibung vollziehe - und zwar mit ‘ner Stricknadel. Diese Idee war ja wohl vollständig durchgeknallt.

Ich wollte einfach gehen, aber sie stellte sich mir in den Weg. Sie sagte, sie liebte mich. Unendlich und noch mehr. Die Sache wäre doch auch in meinem Sinne. So ‘ne scheiße! Abstrakte Verstrickung der Wirklichkeit. In ihren verheulten Augen war aber ein hohes Maß an Liebe zu erkennen. Liebe und Hilflosigkeit. Damit nahm sie mich immer gefangen und das wusste sie.
Schließlich gab ich nach. Und es folgte ein fragiles Lächeln ihrerseits und Kopfschmerz erzeugende Zweifel meinerseits.

Sie holte aus der Küche die Stricknadel und gab sie mir in die Hand. Das Ding war ungefähr zwanzig Zentimeter lang. Damit sollte ich das Zellending herausholen. Wir trafen also die Vorbereitungen für den Eingriff.

Ich ging in die Küche und setzte auf ihrem alten Herd in einem kaputten Topf Wasser auf. Damit wollte ich die Nadel desinfizieren, so gut das eben möglich war. Paula legte sich ins Schlafzimmer auf ihre Matratze und zog ihre Hose aus. Als das Wasser schließlich kochte und ich die Nadel mehrfach durch die blubbernde Flüssigkeit gezogen hatte, kam ich zu ihr. Sie lag da mit gespreizten Beinen, zitternd und Selbstsicherheit heulend. Ich beugte mich zu ihr runter. Kniete mich neben sie und sah sie an.
In meinen Augen tausend Fragezeichen, doch sie nickte und gab damit den Handlungszwang an mich weiter.

Die Nadel war noch lauwarm. Ich steckte sie ihr langsam in die Vagina und hielt dabei eine Hand auf ihrem Bauch. Da war es drin, das Zellending. Das schleimige, tranige, ungenaue Ding.
Ein Basismensch.
Ungeboren,
ungewollt und trotzdem so was von existent.

Millimeter für Millimeter verschwand die warme Nadel in Paulas unterleib. Sie zuckte, und ich versuchte, sie mit der Hand auf dem Bauch zu beruhigen, indem ich sie kreisen ließ. Sie begann leise zu wimmern und zu weinen, und die Nadel ging ihren Weg in sie hinein. Dann plötzlich ein Widerstand.
Ich hatte ihn angestoßen, den Embryo.

Sekunden später tropfte zäher dunkelroter Schleim aus Paulas Mitte. Mir kamen die Tränen, wenige, aber intensiv gemeinte.
Die Nadel führende Hand begann zuzittern. Paula huschte ein Lächeln übers Gesicht. Durch ihre Tränenfront war ein erleichteter Gesichtsausdruck zu erkennen, als sie erkannte, dass der Zellenschleim auf ihr ranziges Bettlaken rann. Die gallertartige Masse floss aus ihr heraus. Das sollte ein Mensch werden…
Vorsichtig entfernte ich die Nadel aus Paulas Genitalien. Wieder nur millimeterweise. Es blutete weiter. Ich holte die Handtücher, um die embryonalen Reste damit aufzufangen. Blut sickert tief ins Laken. Paula war schwach, aber sie lächelte.

Ich holte noch eine Decke uns warf sie über Paulas halb nackten, frierenden Körper, sodass nur och ihr kurzhaariger Schädel sichtbar war. Sie drehte sich auf die Seite. Ich zog mich auch aus und legte mich neben sie. Sie schlief ziemlich schnell ein, und ich legte einen Arm um sie, der ihr meine Liebe versichern sollte. Ihr irgendetwas geben, genommen hab ich schon genug.
In der Nacht bekam Paula Fieber. Sehr hohes Fieber. Ich bekam davon nichts mit. Ich schlief einen traumlosen Schlaf, umhüllt von fieser Finsternis.

Am nächsten Morgen erwache ich neben Paulas Leiche. Sie war noch warm, aber tot. Gestorben in der Nacht der nachträglichen Empfängnisverhütung. Ich drehte drehte sie um und bemerkte ihre Leblosigkeit. Schockiert stand ich auf. Mein Herzschlag im Kopf.
Panik.
Paula.
Sie war weg. Ihr Blick leer. Kaum noch Farbe. Tot. Tot. Unendlich tot, die Paula. Panisch zog ich mir was an und verließ die Wohnung.

Und jetzt sitze ich in meiner Küche und der Moment, in dem ich mein leben in Richtung Tod schicke, rückt sekündlich näher. Vor mir liegt die kleine Pistole auf dem Tisch, neben der Kaffeetasse, aus der Paula auch schon getrunken hat. Ich habe zwei Menschenleben auf dem Gewissen. Habe meine Liebe und mein enstehendes Kind getötet. Ich war es und auch ich hab nichts anderes verdient als den Tod.
Die Entscheidung ist gefallen. Exekutionskommando nicht aufzuhalten. Innerer Amok und doch keine Angst. Ich halte mir die Knarre an den Kopf, lade sie durch und suche einen Punkt, an dem ich ein Loch reinmachen werde, damit mein leben aus mir herauslaufen kann. Die waffenführende Hand ist unsicher, wo sie die Pistole platzieren soll, und zittert.
Ich entscheide mich dann doch für eine Stelle. Schläfenkontakt.
Metall trifft Haut.
Abzug.
Ein Geschoss gewährt sich Schädel splitternd Einlass in mein Inneres. Ich bemerke wie die Kugel auf der anderen Seite, ebenfalls Knochen durchdringend, wieder austritt. Ich habe mich erschossen.
Ich habe mich erschossen…

…und bemerke, wie ich vom Stuhl falle. Ich spüre Blut aus meinen Kopf laufen. Es wird dunkel, aber mein Bewusstsein erlischt nicht. Ich pralle auf den Küchenboden und empfinde sogar noch Schmerz. Hinter den Augen ist der Schmerz und überall im Kopf. Auf den Weg in den Himmel. Süße Ohnmacht befällt mich.

Als ich wach werde, spüre ich eine Hand an meiner Stirn. Die Hand Gottes, die mich zu besänftigen versucht? Ich hoffe auf einen Himmel voller Güte und auf Verzeihung meiner Taten. Dann höre ich die Stimme meiner Mutter. Wie kommt die denn hierher? Bin ich gar nicht tot? Ich fühle mich lebendig, von schwärzester Farbe umkleckert.
Unangenehmer als das Sterben selbst.
Dann die Gewissheit: Existenz, Atem, Herzschlag: alles da.
Scheiße.
Mutters Stimme obendrein.
Sie erzählt mir, dass mein Suizide versuch fehlgeschlagen ist, ich aber blind bin. Die Pistole zuweit vorne am Schädel angesetzt und lediglich die Sehnerven durchschossen.
Die Aussicht auf Erlösung ist mir vorerst genommen und ich bin wieder Mutters Kind. Mir fehlen Paula und der unfertige Mensch. Beide hab ich getötet.

In mir geht ein wirrer Emotionsextremismus ab und meine Wut manifestiert sich schließlich in unsichtbaren Tränen.

gallowhill:

One Minute Sculpture, 1997 by Erwin Wurm

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One Minute Sculpture, 1997 by Erwin Wurm

whenfatgirlscometotown:

KISS100(72/100)

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